Die Sehnsucht und der Blick

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Vor einer sehr langen Zeit, als es keine Zeit gab, gab es die Liebe als das Numinose und um sie herum nur etwas schwarzes Nichts ohne Leben. Die winzigen verspielten vorlauten Fünkchen der Liebe trennten sich aber, nach einer unbeantworteten Frage, von der Liebe und gingen unschuldig auf eine lange Reise. Die kleinen Kinder schauten ab und zu zurück zu ihrer Mutter, damit sie den Weg zum Haus nicht vergessen. Die Kuchen in ihren Händen waren zu süß und die Kinder aßen alles allein auf, statt den Weg nach Hause damit zu markieren.

Sie trennten sich von der Liebe nicht, um das Schwarze um sie herum zu besiedeln, um Götter und Dämonen zu werden. Um Macht zu besitzen und sich und die anderen zu täuschen. Um Sonne, Mond und Erde zu werden. Um Entscheidungen zu treffen und Erschaffer genannt zu werden oder gar zu herrschen. Um lieben und geliebt zu werden oder um die Liebe zu verbreiten. Jedoch vergisst man seine Ziele oder Freiheit, wenn man von der Macht der Entscheidungen und des Schaffens blind wird und in ihrem Labyrinth verloren geht. Wenn man sieht, dass man so viel kann und beherrscht.

Zwei auf der Erde gestrandete weißen Fünkchen wurden zu dem Blick und der Sehnsucht. Die Geschichte der Liebe schrieben sie aufs Neue. Der Blick wollte ständig bei der Sehnsucht weilen, sie umarmen, küssen, tote Blumen schenken und für eine Ewigkeit lieben. Er träumte von ihr und sogar im Traum und in ihrer Anwesenheit vermisste er sie. Die Sehnsucht wusste jedoch von einem unschönen Geheimnis. Das Schicksal, ein anderes manipulatives Fünkchen, sagte ihr, dass die Liebe zwischen ihr und dem Blick nicht ewig sei. Dass nach zwölf Mal Treffen, diese Liebe sie beide ermorden wird. Dass die beiden sehr schwach für eine wahre Liebe seien. Dass sie damit aufhören sollte. Dass es nicht so weiter gehen durfte.

Davon, dass dies eine Lüge ist, wusste die Sehnsucht nichts und sie hatte bereits sechs Mal den Blick getroffen. Sie glaubte an die Lüge und so machte sie aus der Lüge eine mächtige Wahrheit. Die ersten  drei Male waren sehr blumig und sonnig für sie, wenn die Liebe zwischen ihren Adern sprießte. Die letzten drei Male waren so warm und leidenschaftlich, dass sie ständig schwitzte und rot war. Der Blick war froh in seinem Unwissen und die Sehnsucht entschied sich nun ihn jeden Monat nur einmal beim Vollmond zu treffen, bis das Jahr zum Ende kommt. Sie entschied sich bei jedem Treffen die Liebe vom Herz des Blickes zu stibitzen, wenn er bei ihr im Schlaf lag, damit er an dieser Liebe nicht stürbe. Die Sehnsucht und das letzte Treffen sind seit ihren schönen heldenhaften Taten in aller Munde. Aber die Menschen vergaßen es, dass die Arme betrogen und angelogen wurde.

Die Zeit war längst erschaffen und jung und munter. So lief sie schnell und bald brachte sie der Sehnsucht das zwölfte Treffen als ein Geburtstagsgeschenk. Der Blick war nicht lustloser geworden. Er war genau der Verliebte wie am ersten Tag. Die Sehnsucht glaubte jedoch noch immer an jene Lüge des Schicksals und als sie sich im Schnee und bei Kälte trafen, fiel sie in der Umarmung des Blickes zur Asche. Der Blick eilte um die Aschen zu fangen und weinte dabei so viel, dass davon Flüsse entstanden und er daran blind wurde. Der Wind streute die Aschen der Sehnsucht überall und seitdem sucht der Blick überall nach den Aschenteilen ihrer Geliebten, weil das Schicksal ihm erzählte:

„Wenn er alle Aschen zusammenbringen könnte, wird die Sehnsucht wiederbelebt.“

Aber etwas sollte man nie vergessen. Wenn Neugier zu Gier, Mut zu Hochmut, Erreichen zu Reichen, Bescheren zu Scheren, Teilen zu Vorurteilen und Verurteilen, Lieben zu Verlieben, Loslassen zu im Stich lassen, Beschreiben zu verschreiben, Sehen zu Sehnen, Liegen zu Erlegen und wir zu ich werden, ist es noch immer nicht zu spät für eine Rückkehr zur Liebe und Nachhause. Denn eine Mutter vergisst nie ihre Kinder und nichts ist stärker als reine Mutterliebe.

 

© Ibrahim Rahimi

22.08.2020

5:55 am

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