Der Verbannte

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„Wieso bin ich der Verbannte? Was war meine Sünde? Wo genau machte ich den entscheidenden Fehler? Bereue ich meine Taten manchmal?“

 

Diese Fragen kommen immer wieder und nein! Nein…! Der Verbannte kennt keine Reue. Er sieht das Scheitern als Treiber des Fortschritts. Er sieht die Sünde als Kern des Segens. Er empfindet die Gefangenschaft als einen essenziellen Teil der Freiheit. Er denkt, die Gedanken wären Sohn des Chaos und die Mutter der neuen Ordnung. Er kennt die Gefühle und könnte allen von ihnen Liebe schenken, wenn sie oder wir es nur wollten. Er ist gefangen in mir und ich bin ein kleiner Teil von ihm. Er weiß vieles und sein Wissen ist trotzdem zu KLEIN und dennoch könnte es das Universum mit einem Biss schlucken. Und groß ist seine endlose Reichweite.

Die Geschichte dieser Verbannung ist alt. Der Staub auf der Geschichte ist tot. Diese Spinnennetze bauen eine Spirale um diese Verbannung herum. Es riecht hier nach gelöschtem Feuer. Vielleicht war irgendjemand zu Besuch hier. Das werden wir nur herausfinden können, wenn wir uns darauf fokussieren. Aber die Geschichte der Verbannung fängt genau dort an, wo es auf einmal keine Zeit mehr gab.

Alles fing damit an, als ich in Dunkelheit und Stille der Nacht etwas fand. Ich öffnete mich dafür und nahm ES mit, zu mir, zu meinen Seelen und Zellen, zu meinem kleinen Haus und meiner Insel, zu dem Licht, das ohne Grund dort existierte. Ich brachte etwas mit, in eine Welt, die das Fremde ohne Grund fürchtet. Ich trug ES in mir oder ES trug mich in sich. Ich schwebte und alles war ich und ich alles. Aber ES hatte die schönsten Augen, die ich jemals sah. Ich war wie hypnotisiert. Ich gehorchte ES trotzdem nicht. ES war zu sanft und warm, dass ich die Kälte als Nicht-Existenz empfand. ES atmete neben mir und mich.

Ich zeigte ES die sanften Sande aller Meere, den scheuen Mond hinter den zarten Wolken, die Nachtigallen am Singen, Beten oder gar Tanzen und ES kannte das Ganze schon, obwohl es nicht von hier war. ES war voller Freude und ständig am Tanzen und Schwingen. So kommunizierte ES mit mir. ES schaute in die Augen Gottes. Der Gott fiel. ES schaute die blassen Blumen und sie wurden farbig. ES atmete tief und die Luft wurde rein. ES liebte den Ozean und er bekam Wellen. ES brachte Leben mit, ohne etwas im Gegenzug zu verlangen.

Eines Tages zeigte ich ES das Einzige, was ich jemals besaß, meine Feder, mit der ich schrieb und schreibe. ES gab ihr eine Magie, während es lachte. Ich erinnere mich noch. Nichts ist verschwommen. Diese Art ist von Natur her für eine begrenzte Vorstellungskraft unscharf. Ich erinnere mich, dass ES meine Hände nahm und mir beibrachte, dass der Flug möglich ist und dass der Tod nur ein kleiner Teil der Geschichte. ES nahm mir meine Angst und schenkte mir einen Moment, in dem ich noch immer verweile. ES heilte mich.

Mein neues Ich gefällt den Dorfbewohnern aber nicht. Sie redeten kaum mit mir und ich brauchte sie auch nicht mehr. Ich war allein und genoss dies, bis eines Tages der Feind kam. Sie setzten das Dorf im Brand. Die Dorfbewohner drückten mir eine Waffe in die Hand und ich musste das Dorf verteidigen. Ich musste mein Zuhause verteidigen und ich tat es nicht. Ich kämpfte nicht. Ich streckte meine Arme für eine Umarmung aus. Ich griff niemanden an. Das ist nicht meine Art. Ich spielte dieses Spiel nicht mit und dies war das Problem. Ich saß auf dem Boden und warf die Waffe weg. Der Feind kam, scheiterte und ging. Das Dorf wurde aber nie wieder so, wie es einst war. Der Krieg machte die Seelen schwanger.

Und auf mich wartete ein Urteil, eine Verbannung. Hier gebar der Verbannte und ES tröstete mich.

© Ibrahim Rahimi

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